[Deutschland] Eine neue Greenpeace-Studie warnt vor den gesundheitlichen und wirtschaftlichen Folgen von nitratbelastetem Trinkwasser. Demnach könnten durch einen möglichen Zusammenhang zwischen erhöhten Nitratwerten und Darmkrebs jährlich rund 75 Millionen Euro Behandlungskosten sowie weitere 66 Millionen Euro volkswirtschaftliche Folgekosten entstehen.
Die Studie wurde vom Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft (FÖS) erstellt, einem auf Umwelt- und Wirtschaftspolitik spezialisierten Thinktank. Die Autoren berechnen mögliche gesundheitliche und volkswirtschaftliche Folgen von Nitratbelastungen auf Grundlage internationaler Forschungsergebnisse.
Laut der Studie weisen 62 Prozent der deutschen Trinkwassermessstellen Nitratwerte von mindestens 10 Milligramm pro Liter auf. Hauptursache seien hohe Nährstoffeinträge aus der Landwirtschaft. Internationale Langzeitstudien, insbesondere aus Dänemark, deuten darauf hin, dass bereits deutlich unter dem deutschen Grenzwert (50 Milligramm pro Liter) gesundheitliche Risiken bestehen könnten.
Dänemark plant deshalb neben strengeren Düngevorgaben einen deutlich niedrigeren Nitrat-Grenzwert von 6 Milligramm pro Liter im Trinkwasser. Greenpeace fordert auch in Deutschland wirksamere Maßnahmen gegen Überdüngung und verweist auf zusätzliche Vorteile für Gewässer, Artenvielfalt und Klimaschutz.
Nach Angaben von Greenpeace liegen zurzeit 19 Prozent der deutschen Trinkwasserschutzgebiete in Regionen mit hoher Nitratbelastung. Das bedeutet, dass selbst Gebiete, die eigentlich dem Schutz des Trinkwassers dienen, teilweise von dem Problem betroffen sind.
Die Verringerung von Stickstoffüberschüssen sei langfristig günstiger als die aufwendige Aufbereitung belasteten Wassers, ist man überzeugt.
Quelle Text: Greenpeace
Hintergründe: Gut zu wissen
Die meisten Menschen denken bei der Trinkwasseraufbereitung an riesige, hochmoderne Filteranlagen. Tatsächlich kommt in Deutschland ein großer Teil des Trinkwassers aus natürlichem, relativ sauberem Grundwasser. Im Normalfall reichen den Wasserwerken wenige, einfache Schritte: Eisen und Mangan werden herausgefiltert, der pH-Wert wird reguliert und das Wasser wird bei Bedarf mit UV-Licht desinfiziert.
Doch die Idylle trügt. Ein unsichtbares Problem bringt die traditionelle Wasseraufbereitung zunehmend an ihre Grenzen: Nitrat.
- Stickstoff ist das chemische Element (N) und Nitrat (NO₃⁻) ist eine Stickstoffverbindung.
→ Landwirte bringen stickstoffhaltigen Dünger aus (Gülle, Mist, Mineraldünger).
→ Ein Teil des Stickstoffs wird von Pflanzen aufgenommen.
→ Überschüssiger Stickstoff wird im Boden zu Nitrat umgewandelt.
→ Nitrat ist wasserlöslich und kann ins Grundwasser gelangen. - In Studien wird zwischen Stickstoff auf der Fläche und Nitratbelastung im Boden und Grundwasser unterschieden.
Nitrat lässt sich nicht einfach wie herkömmliche Schmutzpartikel durch Sand oder Kies aus dem Wasser herausfiltern. Eine echte, technische Entfernung von Nitrat ist zwar über spezielle Membranverfahren oder Ionenaustausch möglich, ist jedoch extrem aufwendig, energieintensiv und treibt die Wasserpreise in die Höhe.
Deshalb greifen Wasserversorger in Hessen zu Notlösungen:
- Belastetes Wasser wird so lange mit nitratarmem Wasser gemischt, bis der gesetzliche Grenzwert von 50 mg/l gerade so eingehalten wird.
- Es werden immer tiefere Grundwasserschichten angezapft oder belastete Brunnen komplett stillgelegt.
Obwohl in ausgewiesenen Wasserschutzgebieten strenge Regeln gelten sollten, schlägt der Schutz an der Quelle oft fehl. Analysen zeigen, dass 19 Prozent der deutschen Trinkwasserschutzgebiete in stark belasteten „Roten Gebieten“ liegen.
Zum Schutz des Grundwassers werden Landwirte, die bestimmte Auflagen einhalten, finanziell entschädigt. Gleichzeitig müssen Wasserversorger oft zusätzliche Maßnahmen ergreifen, um die Trinkwasserqualität zu sichern. Beide Kosten tragen letztlich Steuerzahler und Wasserkunden.
Während in Deutschland über den Grenzwert von 50 mg/l gestritten wird, plant Dänemark aus Gründen der öffentlichen Gesundheitsfürsorge einen radikaleren Schritt und setzt kompromisslos auf das Vorsorgeprinzip, um die dortige Landwirtschaft zu einer drastischen Reduzierung der Düngung zu zwingen.
Unsere Wasserversorger können jedoch bislang nur vor gefährlichen Lücken im Trinkwasserschutz warnen und eine Reduzierung der Stickstoffeinträge fordern. Denn nach einem Gerichtsurteil wurden die strengen Zusatzauflagen für besonders belastete Regionen in Hessen vorerst ausgesetzt,
Der Bauernverband wehrt sich erfolgreich gegen Einschränkungen. Die Landwirte sehen durch Verbote die Qualität des heimischen Backweizens gefährdet und klagen über existenzbedrohliche Kosten für den Bau von Güllelagern.
Welche landwirtschaftlichen Flächen in einem nitratbelasteten Schutzbereich liegen, regelt die amtliche Ausführungsverordnung (AVDüV). Ob ein Feld betroffen ist, lässt sich parzellengenau in einem interaktiven Kartensystem des Landes einsehen: Hessischer Geobox-Viewer <-KLICK
PS: Das Thema stand bereits 2014 genauso auf der Tagesordnung: HIER <-KLICK.
Recherche Quelle: Brigitta Möllermann, HESSENMAGAZIN.de


















180.jpg)










