[Hessen und Drumherum] Wir Deutschen lieben komplizierte Wortschöpfungen. Eine davon ist die Europäische Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) - schlicht gesagt, ein verbindliches Regelwerk für den Schutz und die nachhaltige Bewirtschaftung von Gewässern. Es verpflichtet seit 2000 alle Mitgliedstaaten, bis spätestens 2027 Flüsse, Seen, Küstengewässer und Grundwasser in einen „guten ökologischen und chemischen Zustand“ zu versetzen.
Die WRRL gilt als Meilenstein der europäischen Umweltpolitik
Erstmals wurde damit der Schutz von Gewässern nicht mehr nur lokal oder national betrachtet, sondern flussgebietsbezogen und europaweit einheitlich. Zahlreiche ältere Einzelrichtlinien wurden zu einem klaren Rechtsrahmen für alle Mitgliedstaaten gebündelt und 2003 jeweils in nationales Recht überführt.
Seit 2009 werden regelmäßig Bewirtschaftungspläne erstellt. Da viele Gewässer die Zwischenziele bislang nicht erreichten, mussten die Maßnahmenprogramme mehrfach angepasst werden.
Ein Gewässer erreicht erst den "guten ökologischen Zustand", wenn es als natürlicher Lebensraum funktioniert.
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Artenvielfalt bedeutet, dass in einem Bach oder See viele verschiedene Tier- und Pflanzenarten vorkommen und viele Lebensräume bietet.
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Struktur bezieht sich auf die Beschaffenheit des Gewässers selbst: Uferformen, Tiefenunterschiede, Kies- und Sandbänke, Totholz oder kleine Inseln. Eine vielfältige Struktur schafft unterschiedliche Lebensräume und sorgt dafür, dass sich verschiedene Arten ansiedeln können.
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Dynamik beschreibt die natürliche Bewegung und Veränderung des Wassers. Dazu gehören Strömung, jahreszeitliche Schwankungen, Hochwasserereignisse oder die Selbstreinigungskraft. Ein dynamisches Gewässer ist lebendig, verändert sich immr mal wieder.
Der "gute chemische Zustand" bedeutet, dass gesundheits- oder umweltgefährdenden Stoffe wie Schwermetalle oder Pestizide die festgelegten Grenzwerte nicht überschreiten.
Mehr Informationen: flussgebiete.hessen.de
Ein Beispiel für die Umsetzung ist das hessische Landesprogramm „100 Wilde Bäche für Hessen“, das 2020 gestartet wurde. Kommunen konnten sich mit ihren Bächen bewerben, die ausgewählten Projekte werden nun mit fachlicher und organisatorischer Unterstützung des Landes umgesetzt. Die Maßnahmen reichen von der Renaturierung begradigter Bachläufe über die Wiederherstellung von Auen bis hin zur Schaffung neuer Lebensräume für Fische, Insekten und Pflanzen.
Neben dem ökologischen Nutzen tragen die Projekte auch zum Hochwasserschutz und zur Verbesserung der Wasserqualität bei. Erste Renaturierungen – etwa am Krebsbach in Nidderau – sind bereits abgeschlossen, weitere befinden sich in der Umsetzung. Das Programm läuft mindestens bis 2027 und gilt als Vorzeigeprojekt, das Naturschutz, kommunale Beteiligung und europäische Umweltziele miteinander verbindet.
Fazit: Europa wird das Ziel der Wasserrahmenrichtlinie nach aktuellem Stand nicht vollständig erreichen. Zwar hat die Richtlinie seit ihrer Einführung im Jahr 2000 viel bewegt, Transparenz geschaffen und zahlreiche Renaturierungsprojekte angestoßen, doch die Umsetzung bleibt hinter den Erwartungen zurück.
In Deutschland befinden sich die meisten Flüsse und Seen noch nicht im geforderten Zustand, und auch europaweit sind Schadstoffbelastungen, landwirtschaftliche Einträge und bauliche Eingriffe wie Staustufen weiterhin große Hindernisse.
Die WRRL gilt dennoch als Meilenstein, weil sie erstmals eine gemeinsame, flussgebietsbezogene Betrachtung eingeführt hat und damit den Rahmen für nachhaltigen Gewässerschutz vorgibt. Ursprünglich war das Ziel schon für 2015 gesetzt, wurde aber wegen der großen Herausforderungen zweimal verlängert – erst auf 2021 und schließlich auf 2027 als endgültige Frist.
Einzelne Vorzeigeprojekte zeigen, dass Fortschritte möglich sind, doch flächendeckend wird das Ziel bis 2027 kaum erreicht werden.
Nachtrag: Die klaren Bäche in Deutschland wurden nicht in wenigen Jahren, sondern über einen langen Zeitraum belastet. Mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert begann die Verschmutzung durch ungeklärte Abwässer aus Fabriken und Städten. Im 20. Jahrhundert kamen massive Einträge aus Landwirtschaft und Chemieindustrie hinzu, während Begradigungen und Staustufen die ökologischen Strukturen zerstörten.
Besonders zwischen 1950 und 1980 erreichte die Belastung ihren Höhepunkt, viele Flüsse galten damals als „tot“. Erst mit Umweltgesetzen und dem Ausbau von Kläranlagen ab den 1970er-Jahren setzte eine langsame Verbesserung ein. Insgesamt dauerte es also rund ein Jahrhundert, bis die ehemals klaren Bäche stark verseucht waren – ein schleichender Prozess über Generationen, dessen Folgen bis heute sichtbar sind.
Quelle: Brigitta Möllermann, HESSENMAGAZIN.de